Die Würde des Umwegs

Es gibt Menschen, deren Lebenslauf sieht aus wie eine gut geplante Zugverbindung. Ausbildung, Karriere, Aufstieg, alles pünktlich, alles mit Anschluss. Und dann gibt es die anderen. Die ihren Job verloren, eine Ehe gegen die Wand gefahren, beruflich noch einmal von vorne angefangen oder irgendwann festgestellt haben, dass sie seit Jahren ein Leben führen, das eigentlich gar nicht ihres ist. Auf dem Papier sieht das selten besonders überzeugend aus. Im richtigen Leben kann genau darin eine erstaunliche Qualität liegen.

Gerade für Coaches und Beraterinnen können solche Erfahrungen zu einer wertvollen Ressource werden.

Wer selbst schon einmal mit einer Kündigung in der Hand nach Hause gefahren ist, weiß, dass man nicht unbedingt am nächsten Morgen seine Potenziale entdecken möchte. Wer eine Trennung erlebt hat, versteht, warum jemand zum fünften Mal dieselbe Geschichte erzählt. Und wer nach einem ordentlichen Scheitern wieder aufgestanden ist, weiß auch, dass das mit dem Aufstehen manchmal ziemlich lange dauert.

Natürlich macht ein schwieriges Leben noch keinen guten Coach.

Und nicht jeder Schicksalsschlag muss im Nachhinein als Geschenk verkauft werden. Manche Erfahrungen waren einfach schmerzhaft, manche Entscheidungen falsch und manche Jahre hätte man sich wirklich sparen können. Aber wer bereit ist, sich mit den eigenen Brüchen auseinanderzusetzen, kann daraus etwas entwickeln, das in keinem Methodenkoffer liegt: eine größere Gelassenheit gegenüber den Widersprüchen anderer Menschen, ein feineres Gespür für Verletzlichkeit und die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, ohne sie sofort beseitigen zu wollen.

Denn auch im Coaching hat sich eine Vorstellung eingeschlichen, nach der Entwicklung möglichst immer nach vorne führen soll. Wir sprechen von Wachstum, Potenzialentfaltung, nächsten Schritten und neuen Perspektiven. Alles wichtige Dinge. Nur funktioniert das Leben eben nicht wie ein Trainingsplan, bei dem man nach zwölf Wochen seine Fortschritte überprüfen kann. Manchmal besteht Entwicklung darin, einen Traum aufzugeben. Eine Grenze zu akzeptieren. Einen Beruf nicht mehr ausüben zu können. Oder endlich zu begreifen, dass man niemandem mehr etwas beweisen muss.

Und manchmal sitzt einem ein Mensch gegenüber, der gerade überhaupt keine Lösung braucht.

Sondern jemanden, der versteht, wie weh etwas tut. Der zuhört, ohne die nächste Frage schon im Kopf zu haben. Der einen Verlust nicht sofort in eine Lernchance verwandelt und eine Enttäuschung auch einfach mal stehen lassen kann. In der Beratung nennt man das unter anderem Bezeugung. Im Alltag würde man wohl sagen: Da ist jemand, der nicht gleich versucht, alles wieder gut zu machen.

Das ist übrigens gar nicht so einfach. Gerade wer professionell hilft, möchte verständlicherweise auch hilfreich sein. Aber manchmal zeigt sich die Qualität einer Begleitung nicht daran, wie schnell jemand wieder funktioniert, sondern daran, ob er sich mit seiner Geschichte zeigen darf, ohne sie vorher in eine Erfolgsgeschichte umschreiben zu müssen.

Und das gilt natürlich auch für Coaches selbst. Ihre Brüche müssen weder versteckt noch romantisiert werden. Entscheidend ist nicht, wie viele Umwege jemand gegangen ist, sondern was er unterwegs über sich und andere gelernt hat.

Am Ende sind es womöglich nicht unsere größten Erfolge, die uns zu guten Begleitern machen. Sondern auch die Erfahrungen, bei denen wir selbst froh waren, dass jemand geblieben ist.

Nicht jeder Umweg führt ans Ziel. 

Aber manche machen uns zu Menschen, denen andere unterwegs gerne begegnen.

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