
Probleme haben einen schlechten Ruf. Sie stören, sie kosten Schlaf, und sie tauchen grundsätzlich im ungünstigsten Moment auf. Dabei leisten die meisten von ihnen erstaunlich gute Arbeit, nur eben nicht die, die wir bei ihnen bestellt haben.
Stell dir einen Moment lang vor, dein Problem hätte einen Arbeitsvertrag. Nehmen wir die Aufschieberitis. Seit Jahren im Dienst, nie krank, kein Tag Urlaub. Zuverlässig jeden Sonntagabend zur Stelle, sobald die Steuererklärung ruft. Und was bekommt sie dafür? Beschimpfungen. Ratgeber mit Titeln wie „Endlich Schluss mit …“. Apps, deren einziger Zweck es ist, sie abzuschaffen. Kein Wunder, dass sie sich wehrt. Du würdest das auch tun.
Klingt albern? Ist es auch ein bisschen. Aber hinter dem Gedankenspiel steckt eine der nützlichsten Ideen der systemischen Arbeit: Symptome sind selten einfach Fehler im System. Oft sind sie Lösungsversuche. Eigenwillige, manchmal teure, gelegentlich ziemlich lästige Lösungsversuche, aber eben Lösungen.
In der systemischen Beratung sprechen wir vom „guten Grund“ eines Symptoms. Gemeint ist nicht, dass das Problem gut ist. Gemeint ist, dass es eine Funktion erfüllt: Es schützt etwas, hält etwas im Gleichgewicht oder erspart uns etwas, dem wir uns (noch) nicht stellen wollen.
Die Aufschieberitis zum Beispiel bewahrt uns zuverlässig vor der Erfahrung, dass das Ergebnis nicht perfekt wird. Wer nie anfängt, kann auch nicht mittelmäßig sein. Die Teamleiterin, die alles selbst erledigt und darüber stöhnt, schützt sich vor dem Kontrollverlust und ihr Team vor der Zumutung, Verantwortung zu übernehmen. Und das Paar, das seit Jahren über die Spülmaschine streitet, hat womöglich ein ausgesprochen sicheres Thema gefunden, um miteinander in Kontakt zu bleiben, ohne über die gefährlicheren Dinge reden zu müssen.
Besonders schön sieht man das in Teams. Fast jedes Team hat eine Person, die „immer quer schießt“. Manchmal gelingt es, sie loszuwerden. Und dann wundern sich alle, dass drei Monate später jemand anderes genau diesen Job übernommen hat. Die Stelle war eben nicht an die Person gebunden, sondern an eine Aufgabe im System: Irgendwer muss die Kritik aussprechen, die sich sonst niemand traut.
Wenn wir ein Problem einfach bekämpfen, ignorieren wir seine Stellenbeschreibung. Die Aufgabe, die es erledigt hat, bleibt ja bestehen. Also kommt das Problem zurück, oft mit Verstärkung, oder es schickt eine Vertretung. Paul Watzlawick hat das trocken auf den Punkt gebracht: Häufig wird die Lösung selbst zum Problem. Wir machen „mehr desselben“, strengen uns noch mehr an, kontrollieren noch genauer, und das Muster läuft munter weiter.
Es ist ein bisschen so, als würde man den einzigen Kollegen feuern, der weiß, wo die Schlüssel für den Serverraum hängen. Kann man machen. Man sollte sich nur vorher überlegen, wer ab Montag aufschließt.
Deshalb lohnt sich ein Perspektivwechsel, bevor man zum großen Aufräumen ansetzt. Statt „Wie werde ich das los?“ fragen wir in der systemischen Arbeit lieber:
Wofür ist das eigentlich gut? Was würde fehlen, wenn es morgen weg wäre? Wer würde das als Erstes merken? Und was müsste an seine Stelle treten, damit es in Rente gehen kann?
Das ist kein Schönreden. Einem Problem zu danken heißt nicht, es zu behalten. Es heißt nur, anzuerkennen, dass es sich lange Zeit um etwas gekümmert hat. Oft verändert sich schon in diesem Moment etwas: Wer sich nicht mehr als defekt erlebt, sondern als jemand mit einer ziemlich kreativen Notlösung, bekommt wieder Spielraum. Und aus Spielraum entstehen neue Möglichkeiten.
Falls du es ausprobieren möchtest: Schreib deinem Lieblingsproblem eine kleine Abschiedsrede. „Liebe Aufschieberitis, du hast mich jahrelang davor bewahrt, mich mit meinem eigenen Anspruch anzulegen. Das war nett von dir. Ab jetzt versuche ich es mal mit ‚gut genug‘. Du darfst dich zurücklehnen.“ Es ist erstaunlich, wie viel leichter der Abschied fällt, wenn man ihn freundlich gestaltet.
Für Beraterinnen und Coaches ist diese Idee mehr als ein hübscher Kniff. Sie ist eine Haltung. Sie verlangt, den eigenen Reparaturimpuls zurückzustellen und neugierig zu werden: auf das Muster, auf die Logik dahinter, auf das, was das Problem im Stillen zusammenhält. Klientinnen und Klienten spüren diesen Unterschied sofort. Sie werden nicht mehr als Baustelle behandelt, sondern als Menschen, die bisher ihr Bestes getan haben, mit den Mitteln, die sie hatten.
Diese Haltung lässt sich nicht aus einem Methodenkoffer ziehen. Man lernt sie am ehesten, indem man sie an sich selbst erlebt: an den eigenen Mustern, den eigenen guten Gründen, den eigenen treuen Problemen, die schon viel zu lange Überstunden machen. Genau daran arbeiten wir in unserer Weiterbildung Systemisches Coaching, sowie Systemische Beratung.